„Mir ist aufgefallen, dass der Mann sich mit sich selbst nicht wirklich auskennt.“

Urologe und Buchautor Dr. Oliver Gralla spricht mit Blue Ribbon Deutschland über Vorsorgeuntersuchungen, Prostatakrebs und warum er in Patientengesprächen auch gerne mal über Autos redet.

Fotos: Dr. Gralla / Bastei Lübbe Verlag

Dr. Oliver Gralla, geboren 1972, praktiziert nach erfolgreichem Medizinstudium inklusive Forschungssemester in Harvard seit 1999 als Urologe und war bis 2007 Arzt mit Spezialgebiet „Kinderwunsch“ an der Berliner Charité. Sein Spitzname: der Storch von Mitte. Danach wechselte er in die Domstadt Köln und eröffnete mit einem befreundeten Kollegen eine urologische Praxis für Paare. Dem männlichen Klassiker „Ich war noch nie beim Urologen!“ begegnet er mit offensiver Medienarbeit in den sozialen Netzwerken, was den Altersdurchschnitt in seiner Praxis glatt halbiert hat.

 

BRD: Unser Ziel bei Blue Ribbon Deutschland ist es, die Beteiligung an der Prostatakrebs-Früherkennung zu steigern und Männer für das Thema zu sensibilisieren – was sich häufig als etwas schwierig darstellt, denn wenn es um die eigene Gesundheit geht, wollen die meisten Männer es nicht allzu genau wissen. Herr Dr. Gralla, Sie setzen sich täglich mit dieser Problematik auseinander. Unter anderem haben Sie das Buch „Mein bester Freund“ geschrieben. Was hat Sie dazu bewogen?

OG: Ich habe in der Charité meine Ausbildung gemacht und dort einige krasse Geschichten in der Notaufnahme gesehen. Vor etwa 15 Jahren habe ich damit begonnen, das zusammenzuschreiben – und da ist über die Jahre einiges an Material zusammengekommen. Hier in der Praxis in Köln habe ich allerdings einen ganz anderen Fokus. Hier sehe ich nicht die krassen Geschichten, wie beispielsweise Sexunfälle, sondern hier sehe ich, wie der Mann im normalen Umfeld mit seinem Körper umgeht – nämlich total unwissend. Mir ist aufgefallen, dass der Mann sich mit sich selbst nicht wirklich auskennt. Deshalb habe ich die „Evergreens“: Prostata, Kinderwunsch, Erektionsstörungen, Ejakulationsstörungen, Sex und Spaß und Rock´n Roll in einer Art Manual zusammengetragen. Ich hab einfach mal erklärt, was denn eigentlich ein normaler Penis ist. Wenn ich Nachts einmal auf Toilette muss, hab ich dann Prostatakrebs oder nicht? Nach dem vierten Mal kann ich keinen Sex mehr haben…ist das jetzt eine Erektionsstörung? Das sind solche Themen, die hier in der Praxis regelmäßig vorkommen. Ich habe versucht, auf eine lesenswerte und amüsante Art zu beschreiben, was halt so „normal“ ist.

 

BRD: Begegnen Sie den Männern in Ihrer Praxis auch mit dieser humorvollen Art? Erleichtert es den Umgang mit diesem für viele Männer unbehaglichen Thema?

OG: Ja, ich versuche es schon so anzugehen, dass ich und auch meine Patienten Spaß haben. Manchmal ecke ich damit etwas an, aber das ist mir relativ wurscht. Ich versuche es ganz gerne mit dem Vergleich: Der Mann und das Auto. Das verstehen Männer in der Regel gut. Wenn zum Beispiel ein Medikament wie Viagra etwas höher dosiert wird, haben die Männer Angst, dass etwas passiert oder sie tot umfallen oder das Herz explodiert. Dann sag ich: Wenn Sie mit 105 durch die 100er Zone fahren, sollte man das zwar auch nicht machen, aber so ganz dramatisch ist das nicht. Oder wenn ein Spermiogramm nicht so gut ist, dann sag ich: Nicht jeder kann einen Ferrari fahren, mit einem Golf kommen Sie ebenso ans Ziel!

 

BRD: Die meisten Patienten kommen sicherlich eher mit konkreten Beschwerden oder Problemen zu Ihnen. Wie ticken die Männer, wenn es um Vorsorge geht?

OG: Ja, das stimmt. Doch auch wenn jemand mit einer konkreten Problematik kommt, spreche ich das Thema Vorsorge immer automatisch mit an. Die Praxis besteht seit 35 Jahren, ich bin seit 12 Jahren dabei und ich stelle fest, dass sich das Thema Prostatakrebs-Vorsorge in dieser Zeit schon ein bisschen weiterentwickelt hat. Heute kommen auch junge Männer zu uns und fragen aktiv nach einer Vorsorge. Allerdings sehen die Krankenkassen eine Krebsvorsorge erst ab 45 Jahren vor. Bei den jungen Männern geht es eher um Hodenkrebs. Meine jüngsten Patienten mit Prostatakrebs sind so etwa 45 Jahre alt. Man kann inzwischen sehr viel genauer diagnostizieren – und je genauer man diagnostiziert, desto eher findet man auch was. Ich vertrete daher die Auffassung, dass nicht jeder Krebs gefunden werden will.

 

BRD: Wie meinen Sie das?

OG: Ich nenne hier gerne einen Vergleich: Wenn Sie mit 85 Jahren tot an der Ampel umkippen, hat einer von uns beiden Prostatakrebs, Dabei kann es sein, dass Sie einen erbsengroßen Tumor in einer tomatengroßen Prostata haben und der fällt nicht weiter auf. Den müsste man gar nicht finden und auch nicht suchen. Denn wenn man den gefunden und operiert oder therapiert hätte, dann hätte man ein deutlich höheres Risiko, Komplikationen oder Nebenwirkungen durch die Therapie zu bekommen, als es irgendeinen Nutzen ergeben hätte. Dementsprechend will nicht jeder Krebs gefunden werden. Das ist meine Meinung. Es gibt Situationen, in denen man die diagnostische Keule nicht komplett rausholt, sondern einfach nur im Hinterkopf hat, dass vielleicht irgendetwas vorliegen könnte und man beobachtet, wie sich das Risiko in den Jahren entwickelt.

 

BRD: Wie kann man sich dieses ‚Risikomanagement‘ vorstellen?

OG: Man kann am Computer berechnen, wie hoch sich das Risiko gestaltet. Ich gucke auf das errechnete Risiko und wie es sich im Zeitablauf verändert. Je nach errechnetem Risiko empfehle ich dem Patienten, in 3 Monaten, in 2 Jahren, in 5 Jahren wiederzukommen, so läuft die Vorsorge risikoadaptiert weiter. Es gibt Patienten, wo ein kleines Tumörchen schlummert, denen würde ich primär nicht sofort eine Biopsie empfehlen, sondern individuell besprechen, eine engmaschige weitere Vorsorge zu machen und zu gucken, ob das Risiko sich verschärft, also ob der Tumor sich verändert. Wir bieten auch die sogenannte Active Surveillance (aktive Überwachung) an: Der aufgefundene Tumor wird überwacht, solange keine Grenze überschritten wird und der Tumor sich nicht verschlimmert. Man kann das über einige Jahre tun und dadurch hat der Patient keine Nebenwirkungen durch eine angewandte Therapie wie beispielsweise Erektionsstörungen. Damit möchten wir dem Patienten die Lebensqualität, vor allem im Bereich der Sexualität, so lange wie möglich erhalten. Sobald das Risiko ansteigt, können wir immer noch über eine Operation sprechen. Wenn eine Diagnose erhoben wird, heißt es in dem Fall noch nicht unbedingt, dass sofort therapiert werden muss.

 

BRD: Welche Rolle spielen der/die Partner/in oder das Umfeld beim Thema Vorsorge?

OG: Hier in der Praxis bekomme ich das natürlich nicht mit, aber ich glaube schon, dass die Frauen ihre Männer zur Vorsorge triezen. Der Hintergrund ist ja der, dass Frauen bereits sehr früh, mit Einsetzen der Periode, eine enge Bindung zum Gynäkologen haben und somit einen Ansprechpartner – das hat der Mann nicht. Eine Entwicklung halte ich in dem Zusammenhang für vielversprechend: Seit Anfang 2019 wird die HPV Impfung bei jungen Männern von der Krankenkasse übernommen. Wenn das zukünftig über die Urologen funktioniert, kann ich mir vorstellen, dass der Mann dadurch früher einen vertrauten Ansprechpartner hat und somit auch die Vorsorge-Raten hochgehen.

 

 

Lieber Herr Dr. Gralla, wir bedanken uns für das Gespräch!