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Prostatakrebs von ExpertInnen beleuchtet

Wir haben verschiedene ExpertInnen zu ihren Erfahrungen mit Prostatakrebs befragt. Ob Patienten, Angehörige oder ÄrztInnen. Alle sind auf eigene Weise Experte oder Expertin auf dem Gebiet Prostatakrebs. Die Interviews sind so unterschiedlich, wie sie nur sein können und fesseln mit ihren Details und Berichten. Sortiert nach Themenschwerpunkten finden Sie hier die Antworten auf viele Fragen; manchmal fachlich, vielmals ganz privat beantwortet. Sollten weitere Fragen aufkommen, geben wir diese gerne an unsere ExpertInnen weiter. Bitte beachten Sie, dass es sich hier insbesondere um persönliche Erfahrungen und Meinungen handelt und jede einzelne Prostatakrebserkrankung sehr individuell ist. Trotzdem hoffen wir, ein wenig mehr Sicherheit und Verständnis für die Erkrankung zur Verfügung stellen zu können.

Wichtig! Dieser Bereich ersetzt nicht das Fachgespräch in der ärztlichen Praxis.

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Zur "Vorsorge" gehen. Warum?

Blue Ribbon: Was sind aus Ihrer Sicht gute Gründe für die Früherkennungs-Untersuchung?
Dr. Witt: Die Früherkennungsuntersuchung macht aus meiner Sicht Sinn, zumindest in der Altersgruppe zwischen 45 und 75 Jahren auf jeden Fall. Die früh erkannte Prostatakarzinom-Erkrankung beinhaltet die beste Aussicht auf Heilung. Bei einer spät diagnostizierten Situation ist eine Heilung gegebenenfalls nicht mehr möglich. Die Früherkennung führt also zu einer höheren Wahrscheinlichkeit einer Heilung.

Blue Ribbon: Gibt es auch Gründe aus Ihrer Sicht, die gegen eine solche Untersuchung sprechen?
Dr. Witt: Die Früherkennungs-Untersuchung gibt Hinweise auf eine Erkrankung, jedoch aber keine Beweise. Wenn Auffälligkeiten festgestellt werden, müssen weitere Untersuchungen folgen. Wenn jemand eine weitere Abklärung nicht durchführen lassen möchte, dann macht eine primäre Früherkennungsuntersuchung natürlich keinen Sinn.

Blue Ribbon: Wie läuft die Vorsorge ab?
Dr. Witt: Hier muss man das Vorgehen in Deutschland und International unterscheiden. In Deutschland wird nur die Digital-Rektale Untersuchung, also die Tastuntersuchung vom Enddarm, von den gesetzlichen Versicherungen bezahlt. Dies ist eine sehr unvollständige Maßnahme. Durch die Tastuntersuchung ist nur ein kleinerer Teil, nämlich der Teil der Prostata der zum Rektum, also zum Enddarm gelegen ist, erreichbar. Der Rest der Prostata bleibt dieser Form der Untersuchung verborgen. Hinzu kommt das der tastbare Knoten häufig bereits eine schon eher fortgeschrittene Tumorsituation abbildet. Die Tastuntersuchung ist also als alleinige Maßnahme unvollständig und soll durch die Bestimmung des PSA-Wertes und durch Wertung der Veränderung des PSA-Wertes über die Zeit ergänzt werden. Die Kosten von 20-30 Euro für diese Blutbestimmung müssen in Deutschland unverändert von den Patienten selber getragen werden. Anders verhält es sich bei Privat-Patienten, hier werden die Kosten für den PSA-Wert von den Versicherungen getragen.
Mit Kenntnis dieser Information kann dann eine sinnvolle Patientenberatung über weitere Maßnahmen, wie eine Bildgebung mittels Kernspintomografie oder eine Prostatabiopsie, also eine Gewebeentnahme aus der Prostata, erfolgen.
In anderen Ländern ist die Situation anders. Nachdem international ein Screening, also eine Reihenuntersuchung von Patienten mit einer PSA-Wert-Bestimmung bis vor einigen Jahren kritisch gesehen worden ist, hat sich das in den letzten Jahren deutlich geändert. Durch Auswertung von Langzeitstudien und auch unter der Kenntnis das bei fehlenden regelmäßigen PSA-Kontrollen die Anzahl von fortgeschrittenen Prostatakarzinom-Erkrankungen steigt, wird inzwischen vielfach ein PSA-Screening empfohlen.
Auch in Deutschland hat der Vorschlag dem gemeinsamen Bundesausschuss, der darüber entscheidet, welche Leistungen gesetzlich Krankenversicherte konkret bekommen, vorgelegen. Zum Erstaunen der Fachwelt wurde dieser Vorschlag jedoch kürzlich nochmals abgelehnt.

Zum ungekürzten Interview mit Dr. Witt geht es hier.

Blue Ribbon: Was sind gute Gründe, die Früherkennungsuntersuchung bei Prostatakrebs wahrzunehmen?
Jens: Ich gehe davon aus, dass den Männern ihre Sexualität, ihre Männlichkeit wichtig ist. Das hört man ja auch, wenn sich Männer miteinander unterhalten. Wenn man das nicht verlieren möchte, dann sollte man dringend zur Vorsorge gehen. Vielen Männern ist einfach nicht klar, dass es nicht nur um die Prostata geht, sondern es hängt ein Riesen Rattenschwanz dran. Wenn ich höre: „Wenn ich Krebs bekomme, dann habe ich halt Krebs, falle um und bin tot.“ Wenn es so einfach wäre, .… Aber es ist nicht so einfach. Man wird krank und man schleppt sich durch bis man irgendwann jämmerlich krepiert. Das ist leider die reine Wahrheit. Und wer darauf keinen Bock hat, sollte dringen zum Arzt gehen. Denn keine Untersuchung der Welt ist so schlimm, wie das, was man letzten Endes als Erkrankter durchmachen muss.

Blue Ribbon: Wie bewegt man denn die Männer zur Früherkennungsuntersuchung?
Jens: Es wirkt sehr herablassend aber bei älteren Männern ist es so, dass sich viele damit abfinden. „Ach ja, ich hab noch zwei Jahre, das reicht mir vollkommen.” So und ähnlich habe ich es öfter im Wartezimmer gehört. Die ältere Generation, nimmt das Sterben nicht so tragisch, weil sie sagen ich bin doch alt. Ich denke, man kann einen Mann nur zu etwas bewegen, wenn er Angst hat. Angst vor der Realität! Wenn jüngere Männer hören, es geht an ihre Männlichkeit. Ich spreche nicht nur von Potenz. Aber die Hormone- Wenn du dich als Mann nicht mehr als Mann fühlst, weil die Hormone fehlen. Das kann man nicht in Worte fassen und ist unglaublich. Das müssen die Männer verstehen. Sie verlieren ihre Männlichkeit, ihre Identität als Mann. Das muss nicht sein. Gehen sie zur Vorsorge und man stellt den Krebs fest, kann man helfen. Zumindest, wenn es noch nicht gestreut hat, wie bei mir. Wenn der Krebs zeitig genug entdeckt ist, kann man Gegenmaßnahmen finden, die auch scheiße sind, ja, aber man(n) hat eine Chance auf Heilung bzw. auf ein langes Leben. Wer nicht zur Vorsorge geht, wie ich, der muss damit klarkommen, dass die Zeit begrenzt ist und man kein gutes Leben mehr haben wird. Mann verliert die gesamte Männlichkeit. Die Welt bricht zusammen. Es bleibt einem nichts mehr. Das müssen die Männer verstehen.

Ich habe 30 Jahre auf der Bühne gestanden. Ich musste stark sein und war es auch. Ich hatte mit vielen Menschen zu tun. Es gab ab und an Probleme geschäftlicher, künstlerischer, organisatorischer Natur. Ich war es gewöhnt, vieles wegzustecken, vieles zu regeln und mit Problemen klarzukommen. Doch das, was mich nun heimgesucht hat, damit komme ich nicht klar!!!
Jetzt: Es passiert eine Winzigkeit und ich breche komplett in Tränen aus.
Ich sitze auf der Terrasse meines Stammlokals und fange einfach an zu heulen. Rundum alles voll und ich sitze am Tisch und heule Rotz und Wasser. Es ist erniedrigend und man fühlt sich bloßgestellt. Ich kann es nicht erklären. Die ganze Gefühlswelt ist komplett hinüber. Ich bin hochgradig depressiv geworden, weil einfach all mein Leben, alles was mich ausmachte, alles weg ist. Das ist einfach zu viel für mich. Ich als Betroffener, find’ für der Kampagne wichtig, dass die Männer verstehen:
Geht verdammt nochmal zu dieser Vorsorgeuntersuchung, damit ihr das nicht durchmachen müsst, dass ihr normal und glücklich Leben könnt!

Zum ungekürzten Interview mit Jens Müller geht es hier.

Blue Ribbon: Warum ist es gut zur Früherkennung zu gehen oder gibt es auch Gründe nicht zu gehen? Und seit wann gehst du?
Alex: Tatsächlich war ich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder zum Urologen gegangen. Und vor etwa anderthalb Jahren sagte mein Urologe. Die von der Krankenkasse übernommene Untersuchung ist gut und schön. Aber ich würde Ihnen auch ans Herz legen, über die Krankenkassen Leistungen hinausgehende Untersuchungen zu machen. Das nennt sich Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) und da gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die man auf eigene Rechnung wahrnehmen kann. Unter anderem auch die Bestimmung des PSA Wertes. Heute weiß ich, PSA Wert bestimmen ist in den Medien ein bisschen umstritten. Es gibt Stimmen, die sagen: „Es führt zur Überdiagnose.“ Oder „Viele falsch-positive Werte beunruhigen die Leute unnötigerweise.“Ich habe mich dafür entschieden den PSA Wert bestimmen zu lassen. Und mir hat es praktisch das Leben gerettet. Mein Krebs wurde festgestellt durch die Bestimmung des PSA Wertes, die ein Kinderspiel ist. Da werden ein paar Milliliter Blut abgenommen. Im Labor wurde dann festgestellt, dass der Wert erhöht war und das war der Indikator dafür, nach einer Zeit nochmal hinzuschauen und zu sagen: stimmt das? Ist er immer noch erhöht und dann weitere Diagnostik zu machen.

Blue Ribbon: Und die Tastuntersuchung hatte keine Auffälligkeiten ergeben?
Alex: Doch, hat sie. Die habe ich dann mit der Bestimmung des PSA Wertes auch wieder machen lassen. Es wurde festgestellt, dass die Prostata nicht vergrößert ist, was in meinem Alter häufiger schon der Fall ist. Aber sie war ein bisschen verhärtet. Das wäre für sich alleine noch keine Indikation gewesen. Aber in Verbindung mit dem PSA Wert, hat das meinen Urologen dazu gebracht, zu sagen: „Dann machen wir nicht, wie ich sonst vorschlagen würde, nach drei bis vier Monaten eine weitere Bestimmung, sondern in kurzen Zeitfenstern eine weitere Bestimmung, denn da könnte was sein.“

Zum ungekürzten Interview mit Alexander Bauz geht es hier.

Die Tastuntersuchung / Digital rektale Untersuchung

Blue Ribbon: Angstthema Rektale-Digitale Tastuntersuchung. Wie sieht die Untersuchung aus und wie lange dauert sie?
Dr. Witt: Typischerweise ist das eine Untersuchung mit wenig Zeitbedarf, circa im Bereich einer Minute. Für die meisten Patienten ist das unangenehm, aber nicht mehr. Wenige Patienten haben einen hohen Tonus im Schließmuskelbereich, bei denen wird das dann als unangenehmer empfunden. Dies sind aber wenige Patienten, circa im Bereich von 1%.

Blue Ribbon: Und Sie führen diese Untersuchung auch standardmäßig durch?
Dr. Witt: Ja.

Zum ungekürzten Interview mit Dr. Witt geht es hier.

Blue Ribbon: Wie läuft die Früherkennungsuntersuchung ab?

Jens: Ich hatte ja keine Frühuntersuchung. Ich kenne das Ganze ja nur von dem Moment, wo man mir die Diagnose (meines sehr fortgeschrittenen Krebses) in der Notaufnahme gestellt hat.
Es gibt zum einen die Tastuntersuchung. Das ist wohl auch genau das, was die Männer abschreckt.
Mich hat es auch mörderisch abgeschreckt und ich habe gesagt: „Das passiert bei mir garantiert nicht!“ Bis ich dann eben (mit schrecklichen Schmerzen) im Krankenhaus lag und drei verschiedene Ärzte kamen und jeder mir seinen „Arm in den Hintern“ schob. Das war erst der Anfang. Das war auch der Moment, wo ich mir dachte: wäre ich zu einer Früherkennung gegangen. Dann wäre es nur einer gewesen.

Aber es gibt ja auch die Bestimmung des PSA Wertes. Das ist das, was ich eigentlich allen Männern empfehle. Sie brauchen keine Angst haben. Sie bekommen ein bisschen Blut abgenommen und dann hat man schonmal ein Ergebnis. So simpel, dass kann wirklich jeder machen lassen. Das bezahlen die meisten Kassen wohl nicht. Das Geld kann man aber auch aus eigener Tasche bezahlen. Denn letzten Endes geht es ums eigene Leben. Wenn man sagt: ‚ich möchte nicht, dass der Arzt mir den Finger in den Hintern schiebt.‘, dann sagt man „Ich möchte eine Untersuchung meines PSA Wertes.“

Zum ungekürzten Interview mit Jens Müller geht es hier.

Blue Ribbon: Bei der Tastuntersuchung. Kannst du beschreiben, wie die von statten geht?
Alex: Das ist im Sprechzimmer des Urologen. Da legst du dich auf eine Liege in seitlicher Haltung, sodass er Zugang zum After hat und dann macht er mit dem Finger eine Tastuntersuchung der Prostata. Er muss mit dem Finger in den After rein. Muss man sich natürlich bei entspannen, sodass der Schließmuskel nicht zu macht. Und …ja… was ist das für ein Gefühl. Es ist so ein bisschen wie Harndrang, wenn er dann die Prostata abtastet, als ein bisschen wie der Drang, Wasser zu lassen. Aber das ist eine Sache von 30 Sekunden vielleicht. Jetzt nicht gerade schön, aber hat überhaupt nichts mit Schmerzen oder sonst irgendwas zu tun. Es ist letztlich eine Kleinigkeit.

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Blue Ribbon: Und die Tastuntersuchung hatte keine Auffälligkeiten ergeben?
Alex: Doch, hat sie. Die habe ich dann mit der Bestimmung des PSA Wertes auch wieder machen lassen. Es wurde festgestellt, dass die Prostata nicht vergrößert ist, was in meinem Alter häufiger schon der Fall ist. Aber sie war ein bisschen verhärtet. Das wäre für sich alleine noch keine Indikation gewesen. Aber in Verbindung mit dem PSA Wert, hat das meinen Urologen dazu gebracht, zu sagen: „Dann machen wir nicht, wie ich sonst vorschlagen würde, nach drei bis vier Monaten eine weitere Bestimmung, sondern in kurzen Zeitfenstern eine weitere Bestimmung, denn da könnte was sein.“

Link zum ungekürzten Interview von Alexander Bauz

Wie spreche ich in der Partnerschaft drüber?

Blue Ribbon: Wie rede ich mit meinem Partner oder meiner Partnerin über den Krebs in all seinen Facetten?
Antwort aus Vereinssicht Heldenhilfe e.V.: Hier gibt es keine pauschale Antwort oder einen Idealweg. Die Frage ist zunächst ob man überhaupt darüber reden möchte. Wichtig ist, dass die betroffene Person und die jeweiligen Gesprächspartner versuchen, Verständnis für das jeweilige Gegenüber und die ggf. auch abweichende Haltung zu einzelnen Aspekten vorzuhalten. Ebenso ist es wichtig Grenzen zu respektieren und sich bei Bedarf alternative Anlaufstellen für Gespräche zu suchen.
Antwort als Privatpersonen: Wir sind in unserem Umgang mit der Erkrankung und allen Facetten sehr offen und nach vorne umgegangen. Die Methode einer maximal offenen Ansprache von Sorgen, Ängsten usw. war für uns der beste Weg.

Zum ungekürzten Interview von Jasmin und Fabian Brunke geht es hier.

Blue Ribbon: Wie ist es in eurer Partnerschaft. Es ist über euch hereingebrochen. Das ist eine andere Situation, als wenn man ein noch kleines Prostatakarzinom findet. Wie seid ihr damit umgegangen? Seid ihr von Anfang an ganz offen damit umgegangen? Oder wie habt ihr darüber gesprochen?
Jens: Er hat mich in die Notaufnahme gebracht und keiner wusste was los ist. Aber ich habe es geahnt und im Vorfeld schon gesagt: „In mir wächst was, was da nicht hingehört.“ Dann kam der Arzt und sagte uns, was los ist. Mein Partner war und ist immer dabei. Es bricht über einen herein. Es gab bei uns keine Abstriche in irgendeiner Form. Es war für uns selbstverständlich, dass man gemeinsam da durch muss. Ich weiß, dass es Partnerschaften gibt, die daraufhin zu Bruch gehen. Einfach, weil die Last zu groß ist. Aber wir kennen uns schon seit über 40 Jahren. Wir funktionieren als eine Einheit. Aber es ist schwer, weil es auch für ihn alles geändert hat. Ich bin ihm sehr, sehr dankbar, dass er mich immer zum Arzt, überall hinfährt. Viele machen das mit dem Taxi. Mir ist es schon passiert, dass ich im Auto mehr oder minder zusammengeklappt bin. Wenn ich ihn nicht gehabt hätte, wäre ich vor allen Leuten umgekippt. Er muss eher von der Arbeit kommen, um mich zum Arzt zu bringen. Dann hat er Fehlstunden, die er an anderer Stelle wieder rausarbeiten muss. Zum Glück sind seine Kollegen so, dass sie sagen: „wir wissen, was los ist und wenn es so ist, dann musst du das so machen.“ Aber es sind große Einschnitte. Ich selbst traue mich allein nicht mehr auf die Straße. Ich merke, dass ich auch im Kopf Probleme habe. Das sogenannte „Chemohirn“. Ich habe extreme Konzentrationsprobleme. Ich erwischte mich, wie ich vor einer Straße stand und lief, ohne zu schauen. Da habe ich gesagt, ich kann nicht mehr allein raus. Man braucht wirklich einen starken Partner, eine starke Partnerin, die das mit einem durchziehen. Es ist keine Sache von einem allein. Definitiv nicht. Nur mit Hilfe kann man alles bewältigen.

Blue Ribbon: Und im Haushalt, Wie ist das bei euch? Habt ihr euch neu organisiert?
Jens: Wir haben nie einen Plan gehabt, wer was macht. Wir haben das einfach gemacht. Und wenn es zu viel wurde für einen, dann haben wir gesagt: „Los jetzt“. Da gab’s keine Aufteilung. Nun muss er allein vieles regeln. Ich kann vieles nicht mehr. Ich bin auch ganz ehrlich. Vieles bleibt liegen. Ich lasse momentan niemanden rein, weil es aussieht, wie Bombe. Ich habe einfach die Kraft nicht.
Ich habe vorhin gerade versucht, mich an die Nähmaschine zu setzen, einfach nur zwei Stücke Stoffe aufeinander nähen. Nichts Schweres. Ich habe Schweißausbrüche bekommen und konnte kaum eine gerade Naht nähen. Es geht einfach nicht.

Blue Ribbon: Beim Thema Impotenz, wie geht ihr in der Partnerschaft damit um? Für den Partner ist das ja auch schwierig, oder?
Jens: Er lädt mir nicht seine Lasten auf. Es geht wirklich nur noch um mich und er steckt dann auch alles andere zurück. Ziel ist jetzt einfach zu sehen, so viel wie möglich bei mir zu retten und dann wird sich der Rest ergeben. Wir kennen uns seit über 40 Jahren. Da ist alles sowieso ein bisschen anders über die Jahre. Wenn man frisch zusammen ist und so etwas passiert, dann ist es sicher schwieriger. Vielleicht war da ein Kinderwunsch im Spiel, das ist dann auf einmal alles vom Tisch.

Zum ungekürzten Interview mit Jens Müller geht es hier.

Blue Ribbon: Und wie war das bei deiner Familie [bei der Diagnose]?
Alex: Meine Frau war von Anfang an komplett in alles mit eingebunden. Von Feststellung des erhöhten PSA Wertes über die verschiedenen Diagnosestufen mit MRT und Biopsie, Therapieentscheidung, Risiken mit Impotenz usw. Da haben wir von Anfang an drüber gesprochen und waren sehr offen. Auch da: wenn man da mit der Partnerin offen drüber sprechen kann, dann ist das einfach gut. Man muss auch sehen, das sagen auch die Ratgeber, und das merkt man auch: Der Partner ist psychisch genauso betroffen. Vom Partner wird erwartet, dass er dem armen Krebskranken Rückhalt gibt und das er zum Anlehnen da ist. Aber der Partner kriegt ja den gleichen psychischen, oder fast den gleichen psychischen Druck ab. Deswegen muss man aufpassen, dass man da auch nicht den Partner zu sehr belastet und bei dem seine eigenen Sorgen ablädt. Also da muss man sich wirklich Gedanken drüber machen und auch darüber sprechen: wie geht es dir damit? Diesen einen Leitfaden (hält ihn ins Bild: „Prostatakrebs - Der Therapiebegleiter für Paare", Dr. Akoa, Dr. Burger, Dr. Otto, Trias Verlag, Stuttgart 2018). Da gibt es auch mehrere Kapitel, die sich an den Partner richten und darauf eingehen, wie gehe ich als Partner damit um. Also da sollte man sich wirklich gezielt mir beschäftigen. Bei uns hatte es gut funktioniert. Aber weil wir drüber geredet haben. Es gab schon auch Phasen, wo meine Frau davon psychisch mehr belastet war, als ich.

Blue Ribbon: Gab es eine Person mit der du das außerhalb der Familie dann noch anders besprechen wolltest oder das für dich brauchtest oder war das deine Frau mit der du das getan hast
Alex: Das war meine Frau.
Ich habe vier erwachsene Kinder. Die hab ich auch dann sehr klar und sehr offen informiert ab dem Zeitpunkt, wo die Diagnose klar war. Da hatten wir, die waren gerade in alle Himmelsrichtungen verstreut in Deutschland, einen Zoom Call gemacht, meine Frau und ich, mit den Kindern und dann hab ich denen ganz klar erklärt, was die Diagnose ist, was die Risiken Inkontinenz und Impotenz sind. Sie sind alle erwachsen. Und ich habe ihnen auch erklärt, wie die geplante Therapie aussieht. Die waren dann unterschiedlich stark geschockt, oder wahrscheinlich alle gleich geschockt, aber haben unterschiedlich gefasst reagiert und es sind auch Tränen geflossen. Sie haben mich aber dann auch sehr mental unterstützt und da bei mir der Verlauf sehr glimpflich war, haben die dann auch mitgefiebert, bei jedem Laborwert und jeder Diagnose. Also die waren komplett mit eingebunden. Würde ich auch jeder Zeit wieder so machen.

Meine Eltern, mein Vater hat davon praktisch gar nichts mitbekommen. Der ist 87 und stark dement. Der hat nichts davon mitbekommen. Meine Mutter ist 83 und topfit und sehr aktiv. Die habe ich sehr sehr spät, unmittelbar vor der OP erst drüber informiert, weil ich weiß, dass sie sich sonst unnötig große Sorgen gemacht hätte. Und dann halt auch schon kurz danach über den erfolgreichen Verlauf informiert.

Zum ungekürzten Interview mit Alexander Bauz geht es hier.

Wie ist der PSA Wert zu verstehen?

Blue Ribbon: Wie läuft die [Früherkennungs-] Untersuchung ab?
Dr. Witt: Hier muss man das Vorgehen in Deutschland und International unterscheiden. In Deutschland wird nur die Digital-Rektale Untersuchung, also die Tastuntersuchung vom Enddarm, von den gesetzlichen Versicherungen bezahlt. Dies ist eine sehr unvollständige Maßnahme. Durch die Tastuntersuchung ist nur ein kleinerer Teil, nämlich der Teil der Prostata der zum Rektum, also zum Enddarm gelegen ist, erreichbar. Der Rest der Prostata bleibt dieser Form der Untersuchung verborgen. Hinzu kommt das der tastbare Knoten häufig bereits eine schon eher fortgeschrittene Tumorsituation abbildet. Die Tastuntersuchung ist also als alleinige Maßnahme unvollständig und soll durch die Bestimmung des PSA-Wertes und durch Wertung der Veränderung des PSA-Wertes über die Zeit ergänzt werden. Die Kosten von 20-30 Euro für diese Blutbestimmung müssen in Deutschland unverändert von den Patienten selber getragen werden. Anders verhält es sich bei Privat-Patienten, hier werden die Kosten für den PSA-Wert von den Versicherungen getragen.
Mit Kenntnis dieser Information kann dann eine sinnvolle Patientenberatung über weitere Maßnahmen, wie eine Bildgebung mittels Kernspintomografie oder eine Prostatabiopsie, also eine Gewebeentnahme aus der Prostata, erfolgen.
In anderen Ländern ist die Situation anders. Nachdem international ein Screening, also eine Reihenuntersuchung von Patienten mit einer PSA-Wert-Bestimmung bis vor einigen Jahren kritisch gesehen worden ist, hat sich das in den letzten Jahren deutlich geändert. Durch Auswertung von Langzeitstudien und auch unter der Kenntnis das bei fehlenden regelmäßigen PSA-Kontrollen die Anzahl von fortgeschrittenen Prostatakarzinom-Erkrankungen steigt, wird inzwischen vielfach ein PSA-Screening empfohlen.
Auch in Deutschland hat der Vorschlag dem gemeinsamen Bundesausschuss, der darüber entscheidet, welche Leistungen gesetzlich Krankenversicherte konkret bekommen, vorgelegen. Zum Erstaunen der Fachwelt wurde dieser Vorschlag jedoch kürzlich nochmals abgelehnt.

Blue Ribbon: Wird so etwas dann regelmäßig neu bewertet?
Dr. Witt: Vorschläge an den gemeinsamen Bundesauschuss können von Fachgesellschaften oder auch von Versicherungen gemacht werden. Bei der PSA-Wert-Bestimmung ist die Datenlage meines Erachtens ausreichend für eine positive Entscheidung. Wann eine erneute Bewertung stattfindet ist offen.

Blue Ribbon: War Grund für die Ablehnung die Diskussion um diese zwei bekannten Studien aus USA und Europa?
Dr. Witt: Es wurden leider die bereinigten Ergebnisse dieser beiden großen amerikanischen und europäischen Untersuchungen, mit mehr als einer halben Million Männern, nicht zur Kenntnis genommen. Genau aus diesem Grunde waren die Fachgesellschaft und auch andere Experten sehr überrascht. Da diese Bewertung erst im Jahr 2021 erfolgt ist, wird es wohl bis Mitte des Jahrzehnts dauern, bis hier eine neue Entscheidung ansteht.

Blue Ribbon: Der PSA Wert wird dennoch Patienten häufig ans Herz gelegt, um gemeinsam mit der Tastuntersuchung zu einem schlüssigeren Ergebnis zu kommen. Ist das also aus Ihrer Sicht die richtige Vorgehensweise?
Dr. Witt: Ja, das ist die richtige Vorgehensweise. Männer die bei uns zu einer Früherkennungsmaßnahme kommen, erfolgt eine Bestimmung des PSA-Wertes ab einem Alter von 45 Jahren. Bei Patienten, die ein entsprechendes Risikoprofil haben mit Prostatakarzinomerkrankung bei Vater oder Brüdern, sogar schon ab dem 40. Lebensjahr. Damit haben wir und auch der Patient einen Ausgangswert. Jeder Patient sollte seinen PSA-Wert auch kennen. Über die Zeit kann man dann Veränderungen sehen, insbesondere bei einem regelhaften Anstieg des PSA-Wertes sind dann gegebenenfalls weitere Abklärungsmaßnahmen sinnvoll. Selbstverständlich müssen auch andere Faktoren, wie die Größe der Prostata oder Schwierigkeiten beim Wasserlassen mit einbezogen werden.

Zum ungekürzten Interview mit Dr. Witt geht es hier.

Jens (im Verlauf des Gespräches über die Früherkennungsuntersuchung): [... ]es gibt ja auch die Bestimmung des PSA Wertes. Das ist das, was ich eigentlich allen Männern empfehle. Sie brauchen keine Angst haben. Sie bekommen ein bisschen Blut abgenommen und dann hat man schonmal ein Ergebnis. So simpel, dass kann wirklich jeder machen lassen. Das bezahlen die meisten Kassen wohl nicht. Das Geld kann man aber auch aus eigener Tasche bezahlen. Denn letzten Endes geht es ums eigene Leben. Wenn man sagt: „ich möchte nicht, dass der Arzt mir den Finger in den Hintern schiebt.“, dann sagt man „Ich möchte eine Untersuchung meines PSA Wertes.“

Zum ungekürzten Interview mit Jens Müller geht es hier.

Alex: Die Geschichte von meinem Prostatakrebs hat vor ungefähr einem Jahr mit 58 begonnen, als bei einer Vorsorgeuntersuchung ein erhöhter PSA Wert festgestellt wurde, was zunächst mal nur eine Indikation dafür war, dass irgendwas im Körper verändert ist. Das muss gar nichts bedeuten. Das kann alle möglichen Auslöser haben oder auch natürlich bedingt sein. Bei einer Kontrolle ein paar Wochen später, war er aber weiter leicht angestiegen und dann sind wir auf Rat meines Urologen dann in die tieferen Diagnosemethoden eingestiegen: MRT und dann auch eine Biopsie. Da wurde dann festgestellt: Prostatakrebskarzinom. Eine aggressive Form mit einem Gleason Score von 9.

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Tatsächlich war ich in unregelmäßigen Abständen immer mal wieder zum Urologen gegangen. Und vor etwa anderthalb Jahren sagte mein Urologe. Die von der Krankenkasse übernommene Untersuchung ist gut und schön. Aber ich würde Ihnen auch ans Herz legen, über die Krankenkassen Leistungen hinausgehende Untersuchungen zu machen. Das nennt sich Individuelle Gesundheitsleistungen (IGeL) und da gibt es eine ganze Reihe von Maßnahmen, die man auf eigene Rechnung wahrnehmen kann. Unter anderem auch die Bestimmung des PSA Wertes. Heute weiß ich, PSA Wert bestimmen ist in den Medien ein bisschen umstritten. Es gibt Stimmen, die sagen: „Es führt zur Überdiagnose.“ Oder „Viele falsch-positive Werte beunruhigen die Leute unnötigerweise.“ Das ist wohl auch einer der Gründe, warum er nicht im Leistungskatalog enthalten ist. Ich habe mich dafür entschieden den PSA Wert bestimmen zu lassen. Und mir hat es praktisch das Leben gerettet. Mein Krebs wurde festgestellt durch die Bestimmung des PSA Wertes, die ein Kinderspiel ist. Da werden ein paar Milliliter Blut abgenommen. Im Labor wurde dann festgestellt, dass der Wert erhöht war und das war der Indikator dafür, nach einer Zeit nochmal hinzuschauen und zu sagen: stimmt das? Ist er immer noch erhöht und dann weitere Diagnostik zu machen.

Blue Ribbon: Und die Tastuntersuchung hatte keine Auffälligkeiten ergeben?
Alex: Doch, hat sie. Die habe ich dann mit der Bestimmung des PSA Wertes auch wieder machen lassen. Es wurde festgestellt, dass die Prostata nicht vergrößert ist, was in meinem Alter häufiger schon der Fall ist. Aber sie war ein bisschen verhärtet. Das wäre für sich alleine noch keine Indikation gewesen. Aber in Verbindung mit dem PSA Wert, hat das meinen Urologen dazu gebracht, zu sagen: „Dann machen wir nicht, wie ich sonst vorschlagen würde, nach drei bis vier Monaten eine weitere Bestimmung, sondern in kurzen Zeitfenstern eine weitere Bestimmung, denn da könnte was sein.“

Link zum ungekürzten Interview von Alexander Bauz